web.de meldete am 5. Februar 2001:

Nordwand restauriert: Bernsteinzimmer geht Vollendung entgegen

Petersburg/Essen (dpa) - Eine gehörige Portion Kraft und Konzentration ist für das eingespielte Team der russischen Restauratoren nötig: Routiniert hieven sie die schweren, dick mit Bernstein besetzten Wandtafeln meterhoch, kräftige Schrauben werden in die vorbereiteten Halterungen gedreht. Die honiggelb schimmernde Nordwand des legendären Bernsteinzimmers im Katharinenpalast vor den Toren St. Petersburgs erstrahlt jetzt komplett in alt-neuer Pracht.

Bis zu dieser ersten, gerade vollendeten Etappe bei der Rekonstruktion des 1941 von der deutschen Wehrmacht geraubten und heute verschollenen Weltwunders war es ein langer Weg. Vor 20 Jahren bereits beschloss die Sowjetunion die Wiederherstellung der barocken Kostbarkeit, die 1716 vom Preußenkönig an Zar Peter I. geschenkt und deren Verlust zum Symbol der schweren Schäden des Weltkrieges geworden war.

Mit dem Untergang der UdSSR standen beinahe auch die ehrgeizige Rekonstruktions-Pläne vor dem Aus, bis die im russischem Erdgas-Geschäft engagierte Essener Ruhrgas AG im Sommer 1999 zur Patin des Projektes wurde. Rund sieben Millionen Mark wird der Energieversorger von der Ruhr bereitstellen, damit das neue Bernsteinzimmer bis zum 300. Gründungstag Petersburgs im Jahre 2003 wissenschaftlich genau wiederhergestellt ist. Selbstverständlich, so betont Ruhrgas-Vorstandsmitglied Achim Middelschulte immer wieder, sei das ungewöhnliche Sponsoring eine private Firmeninitiative zum 75-jährigen Unternehmens-Jubiläum, doch positive Auswirkungen auf die verfahrenen Verhandlungen über die verschleppte Beutekunst erwarten Experten auf deutscher wie russischer Seite.

Für Wladimir Domratschow, der von Anfang an am Bernstein-Projekt mitarbeitete, spielt Geld und Politik momentan eine untergeordnete Rolle. Die Arbeit seines Lebens sei ein Seelenzustand; ich liebe sie wie Zucker und Brot», meint der 52-Jährige. In der Werkstatt neben dem Schloss von Zarskoje Selo wird unter den Augen von Heiligen-Postkarten und eines Gips-Stalin mittlerweile sogar mit Computerhilfe das Gold der Ostsee in Plättchen zersägt. Sie entsprechen exakt den alten Vorlagen, die zufällig noch vor dem Raub des Originals von russischen Experten zur Dokumentation des Kabinetts fotografiert worden sind.

Bernstein-Brocken aus einem Tagebau-Kombinat nahe dem früheren Königsberg verwandeln sich zu Tausenden unter den Händen der Schnitzer in Blattornament, zierliche Blumengirlanden, Rahmenwerk und Muschel-Zierde. Bis die noch klaffenden großen Lücken in den übrigen Wänden des Bernstein-Kabinetts in knapp zwei Jahren geschlossen sind und Wladimir Domratschows Lebenswerk vollendet ist, werden Tonnen Bernstein in etwa eine halbe Million Puzzlestücke verwandelt sein. Seine Zukunft und die seiner knapp 50 Kollegen in der Bernsteinwerkstatt der Zarenschlösser sieht Domratschow durchaus sarkastisch: «Vielleicht werden wir dann Kartoffeln pflanzen....

Original-Ausstattungsstücke des Bernsteinzimmers sind in zwei Ausstellungen vom 15. Februar bis zum 13. Mai im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte sowie einem Kaufhaus zu sehen. Die etwa 250 Exponate, darunter eine kostbare Kommode mit Bernstein-Belag und ein in Bremen unlängst entdecktes florentinisches Mosaik, sind möglicherweise die letzten Überbleibsel des Achten Weltwunders, nach dem Experten, Spinner und Spione seit Jahrzehnten vergeblich suchen.


© DPA

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